Winteropen 2015 – Bericht 3.Tag

Kleine und große Dramen an Tag 3

(von René Schildt)

Der dritte Tag des 9. Winteropens brachte auf allen Ebenen dramatische Entscheidungen.

winteropen 2015 - Runde 5 von oben

Die meisten Figuren haben ihre Startlöcher schon verlassen – Runde 5 läuft.

Lediglich an Brett 1 perlt die Anspannung scheinbar unbeeindruckt ab. So spielte der Spitzenreiter IM Milan Pacher mit Schwarz zunächst eine sehr souveräne Drachenpartie gegen FM Stefan Frübing, in der er sich in der Eröffnung einen kleinen Vorteil erarbeitete, diesen dann übers Mittelspiel bis ins Endspiel transportierte und dort schließlich zum entscheidenden Vorteil ausbauen konnte. Sein Gegner bewies aber ebenfalls Größe und Schachetikette zugleich, indem er den Kiebitzen die Schluss-Sequenz mit Unterverwandlung (Turm statt Dame) zum Matt nicht durch vorzeitige Aufgabe verweigerte.

winteropen 2015 - Runde 5 Brett 1 von oben

Ein hochklassiges Duell im Drachen lieferten sich FM Stefan Frübing und IM Milan Pacher.

Deutlich mehr wogte das Geschehen an den Brettern dahinter hin und her. Schon an Brett 2 war der Ausgang so eher nicht erwartet worden und auch das Zustandekommen durch einen brutal starken Damenrückzug war sicher nicht von jedem Zuschauer und wohl auch nicht vom Großmeister vorhergesehen worden, der danach sofort die Waffen niederlegte.

winteropen 2015 - Runde 5 Kalinitschew Schatz

GM Sergey Kalinitschew (li.) unterlag FM Walter Schatz (re.).

 

Ein größeres, ja viel größeres Drama spielte sich aber noch einige Bretter dahinter ab, nämlich an Brett 25 zwischen Michael Ehlers und Marco Miersch. Ob nun für die Spieler selbst, die Zuschauer oder die Turnierleitung mag der Berichterstatter kaum beurteilen, aber auf jeden Fall kann er versichern, dass diese Partie fortan zu den Endspiellegenden des Winteropens gehören wird. Vor zwei Jahren hatten wir einen ähnlichen Fall, wohl aber in der Nachmittagsrunde, was für den Zeitplan etwas weniger kritisch war. Damals stand in der Partie F. Niehaus gegen F. Kunow das Endspiel Turm gegen zwei Springer und einen Läufer zur Debatte und wirklich keiner wusste, ob das nun gewonnen war oder nicht. Eine Etage höher wurde öfters mal die Tablebase befragt und je nach aktueller Stellung schwankte die Ansage zwischen Matt in 255 Zügen und Remis.

Dieses Mal aber waren sich die allermeisten sicher, das pure Endspiel Läuferpaar gegen Springer und Läufer muss Remis sein. Nun, Michael Ehlers wollte der Sache näher auf den Grund gehen und nahm sich vor mit seinem Läuferpaar wenigstens 50 Züge lang die Methode Versuch und Irrtum anzuwenden, immerhin mit der Option auf Verlängerung falls in der Zwischenzeit ein Schlagfall eintreten sollte.

Dem Berichterstatter erschien es nun zwar als ziemlich unwahrscheinlich, dass Marco Miersch diesen Schlagfall absichtlich herbeiführen würde, um der Sache auch noch seinen persönlichen Stempel aufzudrücken oder die Nerven der Turnierleitung zu strapazieren, doch unabsichtlich, ja das käme in Betracht, wenn nun auch ebenfalls nicht besonders wahrscheinlich. Tja aber wie das so ist mit den Wahrscheinlichkeiten – das Toast fällt halt immer auf die Marmeladenseite und so kam es wie es kommen musste: Pferdchen gegen Läuferpärchen.

winteropen 2015 - Runde 6 ll vs s traube

Gewonnen oder nicht gewonnen und vor allem wann – fragte sich offensichtlich nicht nur die Turnierleitung.

FM Werner Reichenbach, seinerseits ebenfalls schon Berliner Schachlegende, meinte sofort auf Anfrage: „Ja das ist gewonnen, aber nicht in 50 Zügen.“. Kai aus dem Orga-Team bestätigte nach etwas Recherche auch bald, ja in den 80iger Jahren hat das mal jemand genau untersucht und in 66 Zügen kann man den Springer aus ungünstigster Stellung wohl fangen…aha. Nun, angesichts der in 10 Minuten beginnenden Nachmittagsrunde sowie der Ansage durch den Hauptschiedsrichter, die Partie notfalls in einen anderen Raum verlegen zu müssen, wurde auf den Versuch, diese eher theoretischen Aussagen in der Praxis zu beweisen zu wollen, glücklicherweise verzichtet.

Und so wurde die Bühne zwar neu aufgebaut, das Drama hingegen in anderen Facetten in der zweiten Runde des Tages fortgeführt. Unmittelbar bekam der Berichterstatter davon allerdings etwas weniger mit, weil er inzwischen von Einreichungen zum Wettbewerb um die schönste Partie des Turniers überhäuft worden war und Quadrataugen von der Begutachtung dieser Prachtstücke bekam. Und immer wieder stellte sich die Frage: Ist es schön, wenn einer einen Fehler macht und der andere ihn „nur“ ausnutzt? Das kommt natürlich darauf an – also darauf, wie es zum Fehler kam, z.B. über irreführende Umleitungen, beiderseits übersehene Schlaglöcher oder plötzlichen Spurwechsel ohne Vorwarnung. Auch Einbahnstraßen haben gelegentlich ihren Reiz wie z.B. in der schon erwähnten Partie Frübing – Pacher. Ob die nun die Aussichtsreichste im Rennen um den ersten Preis ist, wird natürlich noch nicht verraten, aber so viel vorweg sie ist nicht die alleinig Aussichtsreiche.