Spielberichte von der 5.Runde der BMM

Die Dritte hat einen Lauf

Nachlese zu Runde 5 der BMM

Wer hätte das gedacht nach der 2. Runde – die Dritte war zuvor zweimal (1 : 7 sowie 1,5 :  6,5)  in die Schachhölle geschickt worden – und heute blickt sie (Zitat Käpt’n Frank) „aus der Höhe lächelnd auf ihren 7 : 1-Bezwinger herab“, der 2 Punkte hinter ihr rangiert. Drei Siege en suite, da spricht man zu Recht von einem Lauf!  Zwar brachten die Erfolge letztlich nur minimalistische Brettpunkte – was macht’s? Es reicht immerhin zu Platz 3 – 4 in der Tabelle und zeugt von besonderem spirit und großem Kampfgeist der mehr oder minder weißen, grauen und spärlich behaarten Häupter!!!

Dem Wirken und Werken dieser edlen Senioren, Nestoren, durchweg verdienstvolle Veteranen, wollte ich nun beiwohnen. Als Inhaber des Parkplatzes 312 verließ ich diesen, kleidete mich kiebitzgerecht und rollte per Velo gen Weißensee zum Nachbarverein SG Ahlberg, Dago & Co. Betrat gegen halb elf die Spielstätte. Erblickte sogleich unsere Schachweisen (mit s is rischtisch!) wie an einer Perlenschnur aufgereiht: ernst, würdig, still versunken, entrückt in kosmische Weiten … Auf Zehenspitzen näherte ich mich dem Geschehen auf dem Mosaikparkett. Jetzt war ich dabei, mittendrin, wollte genießen und … kam späterhin voll auf meine nicht bezahlten Kosten.

Gegen elf Uhr sah ich am Horizont die Fata morgana eines deutlichen Sieges, die  aber merkwürdig wackelte und schwankte. Dann erschienen zwei leicht beschwipste Damen in dunkler Ferne, die jeweils eine riesige Tafel mit der Ziffer Vier hochhielten. Was soll das …, dachte ich. Geht es hier nur um schnöde Resultate, Gewinne, Verluste, Erbsenzählerei, miese Remisen … …?

Endlich erwachte ich aus meinem Traum – und siehe da, das Leben war Mühen, Arbeit  u n d  Freude an der Schönheit! Die Konturen schärften sich, ich nahm Einzelheiten wahr. Hier nun ein paar Eindrücke von den Partien.

Glanzlichter gingen von dem mittleren Dreigestirn aus. Wolfgang an 4 nimmt als Schwarzer einen völlig nackigten König auf der freigeschaufelten h- und g-Linie ins Visier, der, von allen guten Hilfsgeistern verlassen, bald von einem schweren Doppelgeschütz zur Strecke gebracht wird. Somit wird der erste Sieg perfekt und der zwischenzeitliche 1 : 0-Rückstand ausgeglichen.

An 6 thront August in unerschütterlicher Ruhe und Spannkraft. Sauberer, stabiler Aufbau: Türme zentral verbunden nebeneinander; beide Gäule in der Brettmitte, einander Deckung gebend! Schon ist der weiße König eingekreist … So „einfach“ kann tiefgründiges Schach gelingen! Hmmhmmh.

Jetzt kommt der Clou an 5: Manne, wie er leibt und lebt. Leicht, locker und behende; jugendlich unbekümmert, ungestüm. Ein Heißsporn. Kein Geringerer als unser Freund Janshindulam D., des öfteren zu Gast bei uns, will ihm die Schau verderben. Baut gerne Drohkulissen auf und kennt allerlei Schliche. Doch Manne ist ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Hält tüchtig dagegen. Die a-Linie ist inzwischen gänzlich in seiner Hand. Der weiße Turm tummelt sich von Grundlinie zu Grundlinie, fesselt dabei einen lahmen Klepper auf e8, wenn ich mich recht entsinne. Auch der weißen Dame gelingt der Einbruch ins Hinterland. Der listige Gegner indessen ist nicht faul, agiert geschickt, besitzt zudem einen gut postierten Turm, Mehrbauern am Damenflügel, einer hat schon freie Bahn… Da bläst Manne zum Finale. Seine Majestät wirft die Filzlatschen in die Ecke, flugs die adidas-Treter angeschuht, so sprintet er mitten durchs Schlachtfeld zu seiner Gemahlin zwecks Mattierung… Wütende Störfeuer des verwaisten Turms (die schwarze Dame musste sich, um den schnellen Untergang hinauszuzögern, opfern) können ihn nicht aufhalten. Der feindliche Freibauer erreicht ächzend das Vorfeld zur Umwandlung. Vergebliche Liebesmüh. Das Schicksal ist besiegelt, das Drama beendet, der Vorhang fällt. Tief durchatmen, Schweißperlen dezent wegwischen … Das war großes Spektakel.

Bleibt noch Thorsten an 2. Es ist bisweilen schön und nutzbringend, einen klaren Durchblick zu haben. Wenn nur die Konstellation manchmal nicht so verworren wäre. Am besten, man putzt beidseitig so ziemlich alles weg. Thorsten war offenbar nicht abgeneigt, behielt sich aber vor, ein Mehrbäuerlein zu behaupten, das er schließlich souverän in Szene setzte. 1 Pünktchen war der verdiente Lohn.

Damit hatten wir nun zumindest einen MP sicher. 3 Verluste standen zu Buche. Möglicherweise  waren zwei davon für meine Begriffe und bescheidenen analytischen Einschätzungen zu vermeiden. Eberhard an 3 hatte im Mittelspiel viel Freiheit am Damenflügel, fand einen schönen Läuferzug, verlor allerdings wohl ein wenig den Faden. So geriet sein König in die Zange von Dame und Springer, die unter Ausnutzung einer Fesselung unausweichlich das Matt herbeiführten.

Unser Käpt’n an 7 erreichte in seiner Leib-und-Magen-Variante großen Raumvorteil und spaltete die gegnerische Stellung durch einen mächtigen Bauernkeil gewiss zu seinen Gunsten. Den weiteren Verlauf bekam ich nicht mit, Mannes Partie schlug mich zu sehr in Bann. Frank hatte sich, wie er sagt, dann irgendwann einen Turm „abklemmen“ lassen und verlor dadurch die Qualle. Zudem sorgte er sich sehr um seinen Nachbarn. Karlheinz war alles andere als wohlauf, gehörte eigentlich ins Bett statt ans Brett. Doch unser Supersenior verinnerlicht Pflichttreue und Leidenschaft, ohne sich zu schonen. Ein Vorbild für jene, die manchmal allzu schnell dem Wettkampf fernbleiben. Heute jedoch stand er bald hoffnungslos, der Fuchs Dagobert hatte sich mit einem Läufer auf d6 eingenistet. Frank rief vorsorglich schon mal ein Taxi herbei, so dass Karlheinz sogleich zügig heim- und zur Ruhe kam. Hoffentlich bist du, lieber KH, wieder bei Kräften.

4 : 3 also, wie sieht’s eigentlich am Spitzenbrett aus? Da waltet Lothar, bestens durchgebildet und mit gewaltigem Erfahrungsschatz. Er hat eine Variante gewählt, die GM Hecht in seinem so anschaulichen Vortrag beiläufig als total ausanalysiert remis bezeichnet hat. Um diese Bewertung zu bestätigen, bedarf es natürlich zweier Spieler, die sich versiert der gesammelten Erkenntnisse bedienen. Möglichst vom Range eines GM.  Punkt. Ausrufezeichen. Also, da stelle ma uns erstemal janz dumm, was mir speziell gar nicht schwerfällt. Aus diesem Blickwinkel werde ich mich hüten, Lothars Stellung zu begutachten. Nur soviel: Ich hatte den Eindruck, dass sich der Gegner tapfer seiner Haut wehrte, indem er z.B. in einer für ihn bedrohlichen Situation eine gewonnene Qualität geschickt zurückopferte. Summa summarum: remis! Damit bescherte uns Lothar den Gesamtsieg und bestätigte nebenbei die Einschätzung des sympathischen GM Hajo Hecht …

Für mich endete damit ein kurzweiliger, spannender Sonntagvormittag. Vergnügt schwang ich mich auf den wartenden durchweichten Drahtesel und spürte nicht einmal den Starkregen, bis ich ebenfalls durchweicht  an den späten Mittagstisch gelangte. „Glück gehabt, alter Junge“, witzelte ich zu mir selbst, „dass du nicht im Nebenzimmer bei der Vierten gekiebitzt hast“. Da hatten nämlich die Vertreter der Ahlberg-Dynastie empfindlich zugeschlagen. Tja, 4. Mannschaft, Stadtliganiveau. Da kann man schon mal mit 1 : 7 untergehen … Für einen Kiebitz wie mich wäre das jedoch ein unzumutbarer Härtetest. Na dann, auf ein Neues!

Parkplatzinhaber 312 Herbert

4 Kommentare zu „Spielberichte von der 5.Runde der BMM“

  • Sebastian:

    Vielen Dank für den Bericht! Das Lesen hat wie immer großen Spaß gemacht.
    Sebastian

  • Jens:

    Herbert, wie immer ein Genuss deine Berichte zu lesen.
    Danke dafür
    Jens

  • Thorsten ( 3. ):

    Ein toller Bericht – danke René! Kurz vor Beginn kamen Frank und Karl-Heinz gemeinsam zur Spielstätte. Ich war erschrocken, Karl-Heinz war gesundheitlich schwer angeschlagen, auf meine Frage warum er nicht zu Hause geblieben ist: “ Dann fehlt uns ja ein Brett, konnte keinen mehr erreichen“. Unglaublich …mehr Engagement geht nicht ! Lieber Karl-Heinz, wir alle wünschen Dir baldige Genesung und alles erdenklich Gute !!

    Es ist schon phantastisch, was diese Mannschaft ( in dem Lebensalter ) für Energie und Leidenschaft aufbringt ! Für alle Kollegen die Skandinavisch spielen ein Tipp von einem Ahnungslosen ( ich hatte Schwarz ): e4 d5 Sf3 ( wie aus der Pistole geschossen ) d:e Sg5

    Sf6 Sc3 – jetzt hält Lg4 ( oder gleich Lf5 ) Le2 Lf5 den Mehrbauern fest, aber da mein Gegner so schnell zog, hatte ich Schmerzen betreff gegnerischer Vorbereitung und zog g6.
    Aber ich habe das dann doch gut in die Reihe bekommen und ganz ordentlich abgewickelt.
    Lothar hat dann ganz professionell den halben Punkt zum Sieg der Mannschaft eingefahren – ein toller Sonntag – eine tolle Truppe !

  • Lothar Kollberg:

    Danke, Herbert, für Deinen lyrischen und einfühlsamen Kommentar! Wir hoffen, dass noch Mannschaftspunkte dazu kommen. Vielleicht kannst Du dazu beitragen? Aber wir sind ja leider so pflichttreu!
    Sehen wir uns in Schöneweide demnächst?
    Lothar